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Dienstag,
11.12.2018

Plätzchen, Punsch und Plauderei

Erfolge wollen gefeiert werden! Wir schauen zurück auf ein Jahr, in dem wirklich viel passiert ist. Und fragen euch nach Ideen für das kommende. Wen wolltet ihr schon immer mal sehen oder hören? An welchen Workshops möchtet ihr teilnehmen? Welche Veranstaltungen oder Orte außerhalb des Allgäus sind interessant für euch?

Netzwerk und Forum für die Kreativbranche im Allgäu

Formkraft Allgäu unterstützt lokale, identitätsstiftende Gestaltung, vermittelt Kontakte und teilt Wissen regionaler und internationaler Akteure aus der Designwirtschaft. Es möchte ein Bewusstsein schaffen für Wirkung und Wert guter Gestaltung, Wegbereiter sein für gemeinwohlorientierte, nachhaltige Innovationen, genauso aber bewährte Traditionen beleben und erhalten.

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WEIS RAUM schließt die Lücke

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Am 23. Mai startete ein Auto wissensdurstiger Formkräftiger zum WEIS SRAUM designforum tirol nach Innsbruck. Wir wollten vom Gründer Kurt Höretzeder erfahren, wie sich die Kreativszene in Tirol seit Gründung des Forums entwickelt hat. Was es heißt, einen Ort zu etablieren, der Anlaufstelle ist sowohl für Gestalter als auch für die Unternehmen vor Ort. Welchen Nutzen WEIS RAUM bietet und wie seine Vision für Tirol ausschaut.
Am Anfang möchten wir ein bisschen mehr über die Person Kurt Höretzeder erfahren. Uns interessiert, welche Erlebnisse und Begegnungen Sie hatten, die Sie dazu veranlasst haben das WEIS RAUM designforum tirol zu gründen. Auf Ihrer Agentur-Homepage steht, Sie haben mit 13 Jahren Häuser gezeichnet, danach Autos und im Speziellen die Armaturen davon. Was hat Sie gerade an den Armaturen fasziniert?

Die Armaturen sind aus meiner Sicht das „Grafischste“ an einem Auto. Dass ich mich später dem Grafikdesign verschrieben habe, ist vielleicht sogar Zufall. Ich hätte damals gerne auch Produktdesign gemacht oder Architektur, aber irgendwie kam’s zur Grafik. Ich würde auch heute noch gerne Häuser entwerfen oder Produkte. Das Schöne ist ja, dass die Disziplinen in Gestaltung fließend ineinander über gehen – oder das zumindest könnten. In Österreich ist es so wie in Deutschland, dass man Architektur studieren muss um etwas bauen zu dürfen. Beim Grafikdesign gibt es das nicht – zum Glück! Im Essay „Der Freiraum des Grafikers“ erklärt das Otl Aicher ganz wunderbar, warum: „der Grafiker hat einen der letzten freien Berufe, die nicht in das Korsett eines Berufsbildes und damit von normen und Richtlinien eingezwängt sind“. Er spricht also etwas Zentrales an: Freiheit. Es wird immer wieder gesagt, es wäre ein Problem, dass jeder Grafikdesign machen kann. Ich finde das gut. Es ist ein freies Gewerbe, in dem sich jeder, der das will, versuchen kann. Damit ist freilich noch nichts über die Qualität gesagt. Das ist dann der nächste Schritt. Man muss sich mit Herzblut damit beschäftigen, um gut zu werden. Es gibt neben Ausbildung und Studium immer auch atypische Zugänge zu einem Tätigkeitsfeld. Im Grafikdesign galt das auch für prägende Leute wie Otl Aicher. Um es kurz zu machen: Ich finde, Gestaltung soll frei sein. Jeder soll gestalten dürfen, ob er oder sie es kann, entscheidet ohnehin die Zeit.

Es gibt von design austria eine Reihe von Leitfäden unter dem Titel „How to…“ in denen beschrieben wird, worauf es bei der Entwicklung eines guten Logos oder Corporate Design ankommt. Finden Sie es gut, seinen Kunden etwas in die Hand zu geben mit dem man zeigen kann was qualitätvolle Arbeit von minderwertiger unterscheidet, mal ganz abgesehen von der persönlichen „Geschmacksfrage“?

Im Prinzip ja. Hilfsmittel zur Schärfung von Bewusstsein und zur qualitativen Differenzierung sind praktisch. Es hilft, Qualität von Pfusch zu unterscheiden. Grafikdesign ist ja im Prinzip ziemlich einfach geworden. Es gibt einfach zu bedienende Software, die man selber erlernen kann, der Einstieg auf technischer Ebene ist ziemlich leicht, es sind unzählige gute Bücher in den letzten Jahren erschienen mit denen man sich weiterbilden kann. Aber eben nicht alle, die Grafik machen, nutzen diese Dinge.

Sie haben den Magister in Philosophie, Politik und Geschichte …

Ja, das habe ich eher zum Spaß studiert, wenn man das so sagen kann. Oder aus Freude an umfassender Bildung. Mich interessiert ja auch nicht Grafikdesign, sondern das, was ich über Grafikdesign machen oder ausdrücken kann. Grafikdesign ist ein Mittel zum Zweck. Wichtig ist immer das, was kommuniziert wird bzw. was letzten Endes bewegt wird. Ich komme aus einer sehr politischen Familie, wobei Politik auch bald erschöpfend wirkt. Dann landet man zwangsläufig bei der Philosophie. Es hat schon einen Grund, weshalb Firmen, die es sich leisten können auf Geisteswissenschaftler setzen in der Erkundung dessen, was in der Zukunft passieren wird. Man denkt dort ganz anders über die Dinge nach. Es ist noch nicht lange her, da war das Philosophikum für alle Studenten in den ersten beiden Semestern verpflichtend. Hat von euch jemand BWL studiert? Ich finde, es gibt nichts Tötenderes als Marketingleiter, die BWL gemacht haben. Mein Lieblingsprofessor an der Uni, ein Ideengeschichtler, sagte immer, wenn wir wissen wollen, warum auf der Welt so vieles falsch läuft, sollen wir rübergehen zu den Betriebswirten, dort wird man rasch fündig auf der Suche nach falschen Grundannahmen über den Menschen. Daran denke ich auch heute noch oft. Deswegen tue ich mich schwer mit Marketingleuten, die einen betriebswirtschaftlichen Hintergrund haben. Ich arbeite gerne mit aufmerksamen Zeitgenossen, mit kritischen Leuten, die selber denken. An der Kreativszene finde ich toll, dass es so viele unterschiedliche Menschen gibt. Das ist Ausdruck der Vielgestaltigkeit der Welt und der Kulturen. Wunderbar. Da können auch Leute dabei sein, wo ich mir denke, die haben einen Huscher, aber ich finde es trotzdem gut, dass jeder den unendlichen freien sozialen Raum auf seine Art nutzt. Hier haben wir es wieder, das Thema Freiheit.

Mit welchen Zielvorstellungen haben Sie den WEIS RAUM gegründet?

Ich wollte gemeinsam mit meinen Kolleginnen und Kollegen und auch gemeinsam mit einem stetig wachsenden Publikum einen Ort schaffen, wo genau solche Leute sich treffen können. Räume haben ja immer eine bestimmte Anziehungskraft. Ich wollte einen sympathischen Ort, an dem man sich wohl fühlt, wo man reden darf, sich inspirieren lassen kann. Wohl mit dem Anspruch, auch namhafte Leute dorthin zu bringen. Leute, die Mut geben, Sachen ausprobiert haben, und die damit andere anspornen besser zu werden. Man soll sehen, was in der Welt passiert, denn Innsbruck ist natürlich auch Provinz, nicht viel anders als das Allgäu.

Bei uns gibt es ein Sprichwort: „Der Allgäuer sieht nur bis zum Berg und nicht dahinter.“ Glauben Sie, dass es etwas mit der Nähe zu den Bergen zu tun hat, dass der Geist im wahrsten Sinne des Wortes ‚beschränkt’ wird?

Nein, das glaube ich nicht. Provinz ist ja zunächst auch etwas sehr Liebenswürdigendes. Sie wird nur dann unerträglich, wenn die Leute eben genau diesen liebenswürdigen Blick auf die eigene Umgebung abgeben und allen Blödsinn aus der vermeintlich modernen weiten Welt, der neu ist und der letzte Schrei, nachmachen wollen – dabei aber vollkommen überfordert sind, diese neuen Dinge entweder stilvoll zu integrieren oder anders zu interpretieren, oder überhaupt zu sagen: Das gefällt uns nicht und deswegen machen wir das auch nicht. Ich sage nur ein Beispiel: Nirosta-Balkongeländer. Oder die Toscana-Villa aus dem Bestellkatalog, die sich dann nach Niederbayern verirrt oder an den Wilden Kaiser. Mit solchen Dingen beispielsweise wird am Land jede halbwegs vernünftige Siedlungsarchitektur unmöglich gemacht. Das heißt natürlich nicht, dass man nicht zeitgemäß bauen soll – selbstverständlich – aber eben keine Billigmoderne aus dem Baumarkt. Einerseits haben die Leute also überhaupt nichts mehr übrig für den sorgsamen Umgang mit der Landschaft und dem Dorf, was man sehr gut auch an der Tiroler Tourismus Architektur sieht wo ganze Dörfer verunstaltet werden, andererseits reden alle von „ihrer“ heißbeliebten Provinz – die sie selber nach Kräften verschandeln. Das sind für mich die Pseudoprovinzler. – Die „richtig“ provinziellen Leute finde ich dagegen durch die Bank liebenswert. Das sind die Familien, die seit langem hier leben und die sich einen wachen Sinn lebendig erhalten haben. Neuerdings wird darauf in den Medien wieder verstärkt aufmerksam gemacht, z.B. durch Magazine wie Servus, das zwar auch etwas kitschig ist, aber doch auch für ein neues Selbstverständnis steht, was gar nicht schaden kann. Wo ich geboren bin, im oberösterreichischen Innviertel an der Grenze zu Bayern, steht wahrscheinlich jeder zweite Bauernhof leer. Die Zeit ist einfach vorbei. Seit den 1970er Jahren werden im Sekundentakt Siedlungen und Gewerbegebiete hochgezogen, und nebenan steht ein Bauernhaus nach dem anderen leer. Damit verschwindet eine ganze Kultur – die ich natürlich nicht nur schönreden will, geschweige denn idealisieren. Aber wenn man heute zuschaut, wie ohnmächtig und patschert auf diesen für mich furchtbaren Kulturverlust reagiert wird, dann weiß ich zugleich auch: Es wäre dringend notwendig, hier mit viel mehr Kreativität an neuen Nutzungsformen zu arbeiten – abseits des üblichen Förderwesens. Was mich ein wenig auffängt: Da und dort gibt es Leute, die wieder etwas aus diesen Gebäuden machen. Ein kleiner Hoffnungsschimmer. Vielleicht werden sie mehr.

Da haben wir auch ein gutes Beispiel. Unser nächster Stammtisch soll im Bahnhofcafé in Oberdorf stattfinden. Ein kleiner Ort mit einem stillgelegten Bahnhof, der von einer handvoll Engagierter als kultureller Treffpunkt zu neuem Leben erweckt wurde…

Ja, es braucht die Liebe zu diesen Dingen und auch den Mut, etwas Neues auszuprobieren. Dabei ist es egal, ob alte Industriegebäude in Städten oder ein alter Bauernhof in der Provinz wieder belebt werden – es spielen immer kreative, lebendige Menschen eine Rolle, auch Kunst und Kultur und natürlich neue Formen einer gemeinwirtschaftlichen Ökonomie. Das bringen nur kreative Menschen auf den Weg, die nicht gleich das Ziel haben, dass man in zwei Jahren 5.000 Euro netto im Monat verdient.

Wie organisiert sich der WEIS RAUM?

Wir haben zwei Mitarbeiter, eine Ganztagesstelle aufgeteilt auf zwei Köpfe. Mehr geht nicht. Uns ist wichtiger, dass man diese Leute wenigstens halbwegs anständig bezahlt. Es ist ein Skandal, dass die Leute im Kulturbereich grundsätzlich schlecht bezahlt werden. Auf der einen Seite haben wir gut abgesicherte Anstellungsverhältnisse, oder im schlimmsten Fall für ihre Fähigkeiten heillos überbezahlte Sesselkleber. Die Menschen, die aber wirklich Dinge bewegen, kommen kaum über die Runden, leben in, wie man so schön sagt, „prekären“ Arbeitsverhältnissen. Das scheint im Kreativbereich ganz normal zu sein. Da klafft ein irrsinniges Loch dazwischen.

Hat sich das Bewusstsein für Institutionen wie den WEIS RAUM verändert? Wie war es vor zehn Jahren, als Sie WEIS RAUM gegründet haben, welches Standing hat WEIS RAUM heute?

Ich hoffe schon, dass wir etwas bewirken konnten. Es gibt seit der Gründung einige junge Leute, die mit dem WEIS RAUM groß geworden sind und die sich einen Namen gemacht haben. Vielleicht konnten wir denen ein wenig helfen auf ihrem Weg. In der politischen Wahrnehmung sind wir einigermaßen angekommen, man kennt uns. Politische Unterstützung brauchen wir auch, aber natürlich ohne Einflussnahme. Parteipolitische Unabhängigkeit ist eine grundlegendes Haltung für den Verein, wobei man ehrlicherweise natürlich sagen muss, dass die allermeisten unserer Leute, wie ich mir denke, schon im links-liberalen Milieu beheimatet sind. Ich zumindest kenne keinen Gestalter, der offen rechts wäre – geben wird es sie sicher. Es ist ein offener Geist, der uns trägt und der auch die Vortragsplanung beeinflusst. Zusammenfassend kann man für Innsbruck und Tirol sagen, dass es in der Gestalterszene in den letzten Jahren einen deutlichen Schwung nach vorne gegeben hat. Wir haben wirklich gute junge Gestalter hier. Ich kann gut verstehen, dass die etablierten Agenturen Angst bekommen, weil die einfach gut sind. Das Vorurteil, dass wir im WEI SRAUM oder auch ich als leitende Person zu verkopft wären, so nach dem Motto: „Ah ja, das sind die mit den schwarzen Pullovern“, das ist mittlerweile auch abgebaut. Es ist jeder bei uns willkommen, und es kommt auch wirklich jeder zu uns. Da haben auch die publikumsintensiven Ausstellungen der letzten Jahre viel dazu beigetragen mit ihren begleitenden medialen Berichterstattungen. Auch weil diese so angelegt sind, dass jemand, der dort rein geht was lernen kann, sind sind bewusst didaktisch aufbereitet.

Sie machen viele Projekte für und mit Kindern. Zuletzt die Reihe „Wir reklamieren“ bei der die Kinder spielerisch ans Grafikdesign herangeführt werden. Wo sehen Sie das Potenzial bei der Arbeit mit Kindern?

Die Arbeit mit Kindern ist enorm wichtig. Das weiß jeder, der selbst Kinder hat. Hier hat das aut. architektur und tirol (vormals Architekturforum Tirol), das ja auch Geburtshelfer bei WEIS RAUM war, einen wichtigen Betrag geleistet. Vor kurzem wurde mit dessen Hilfe in Innsbruck ‚bilding – kunst- und architekturschule für kinder und jugendliche’ ins Leben gerufen. In einem einzigartigen Projekt entstand mit der Hilfe toller Unternehmer und StudentInnen der Architektur an der Uni Innsbruck ein großartiges Gebäude, das mittlerweile zahlreiche Preise gewonnen hat. Und so arbeiten wir im Bereich unseres kleinen Kinderprogramms natürlich mit Bildung zusammen. Das ist unkompliziert, auch deswegen, weil es zum Teil auch personelle Überschneidungen gibt.

Vermittelt der WEIS RAUM auch Aufträge?

Weil wir beratend tätig sind, kommen mittlerweile tatsächlich Firmen und Geschäftsführer auf uns zu. Das ist aber zugleich eine heikle Sache. Wir wollen ja als neutrale Instanz wahrgenommen werden. Bei Vorträgen, Ausstellungen und Workshops ist das kein Problem. Wenn wir bei Wettbewerben oder Ausschreibungen helfen sollen, wird’s schon schwieriger. Es ist dann so, dass wir eine subjektive Empfehlung geben müssen, wen der Auftraggeber einladen soll. Wir wollen auf keinen Fall den Eindruck erwecken, dass WEIS RAUM als Vehikel zur Jobbeschaffung benutzt wird. Da kann man nur mit größtmöglicher Vorsicht und Transparenz herangehen. Bei Wettbewerben dürfen etwa Büros, die bei uns im Vorstand vertreten sind, normalerweise nicht teilnehmen, außer es gibt dazu nach einem klaren Hinweis unsererseits die ausdrückliche Zustimmung des Auftraggebers. Wir weisen also deutlich auf dieses Näheverhältnis hin, und im Fall einer Teilnahme wird dieses Büro dann genau gleich behandelt wie alle anderen auch. In Zukunft werden wir alle Wettbewerbe öffentlich ausschreiben, Büros können dann ihr Interesse bekunden und kommen auf eine Longlist. Letztenendes entscheiden aber nicht wir, sondern der Kunde, wer eingeladen wird.

Wir haben hier im Allgäu das Problem, dass es keine Instanz gibt, die bei Ausschreibungen und Designwettbewerben berät. Gäbe es denn die Möglichkeit, dass Formkraft Allgäu hier mit WEIS RAUM zusammen arbeitet?

Ja, natürlich. Es ist bzw. war auch hier Thema, wie man mit Ausschreibungen oder Wettbewerben umgehen soll und ob man überhaupt so etwas machen soll. Dazu gibt es viele Meinungen. Ich glaube, dass es im Grunde oft gar nicht um Wettbewerbe gehen muss, sondern vielmehr um Prozessbegleitungen. Im ersten Schritt geht es darum eine Antwort auf die Frage, ‚was kann ich überhaupt tun?’, zu finden, sprich einen Kreativprozess anzustoßen. Dann gilt es ein Briefing zu erstellen, egal ob für einen Wettbewerb oder eine Angebotsauslobung. Mittlerweile sind wir aber soweit, dass wir uns von klassischen Wettbewerben teilweise wieder entfernen, weil es auch eine unglaubliche Verschwendung von Ressourcen ist. Im Architekturbereich zum Beispiel gibt es Auswüchse mit offenen Wettbewerben, bei denen rund 1000 Büros teilnehmen, von denen dann 999 kein Geld bekommen. Das wollen wir unter allen Umständen vermeiden und sind dabei, alternative Modelle zu entwickeln, wie man den richtigen Partner für Gestaltungsaufgaben findet.

Wie werden eure Beratungsleistungen honoriert?

Wir machen das meistens über einen mehrstufigen Prozess, was wirklich ein großer Aufwand ist. In Summe kostet das einen Kunden zwischen 5 und 10 TSD Euro. Wir klären die Ausgangssituation, definieren die Arbeitsaufgabe, übernehmen die Formulierung des Briefings. Ganz wichtig ist, dass der Kunde im Prozess Klarheit darüber bekommt, was er überhaupt ausloben will. Wir organisieren weiters die Jury, bei der es sehr wichtig ist, dass einerseits hervorragende Fachleute mit dabei sind – das ist die Fachjury –, und andererseits Vertreter aus dem Unternehmen – die Sachjuroren. Wir als Organisatoren haben bei der Jury selbstverständlich kein Stimmrecht. Nach der Jurierung wird das Protokoll erstellt. Als weiteren Punkt bieten wir nach Abschluss des Wettbewerbs die Möglichkeit einer Präsentation der Ergebnisse im WEI SRAUM an, und im letzten Schritt begleiten wir noch den ersten Schritt in die Umsetzung. Das ist wichtig, damit die Energien, die am Anfang eines Wettbewerbs da sind, auch in die Realisierung mitgenommen werden können und es nicht am Schluss heißt, ‚ach, das ist jetzt eh nicht so wichtig, das lassen wir erst mal weg’. Ein Teil dessen, was wir über diese Beratungen einnehmen, kommt dem Verein zugute, der andere demjenigen, der den Prozess tatsächlich begleitet.

Wie lange dauert so ein Prozess?

In der Regel beträgt der Arbeitsaufwand zwischen 50 und 100 Stunden – verteilt über mehrere Monate.

Wer bucht solche Prozessbegleitungen?

Das sind schon größere Projekte, um die es hier geht. Zielgruppe sind öffentliche Einrichtungen, große private Unternehmen oder etwa auch Tourismusunternehmen. Der kleine Möbelschreiner ist das natürlich nicht. Dem helfen wir aber auch weiter, indem wir ihm vielleicht Kontakte zu Büros empfehlen. Daneben gibt es aber auch kleinere Begleitungen, bei denen es z.B. um Prozessberatung und die Hilfe beim Formulieren eines Briefings geht. Oder es geht um Projekte, bei denen sich das Ergebnis der Beratung erst im Verlauf der Arbeit genauer zeigt.

Ein Beispiel?

Aktuell haben wir z.B. eine Anfrage von einer Versicherung, für die mittelfristig die Kommunikation neu gestaltet werden soll und die auf der Suche nach Ansätzen sind. Hier überlegen wir gerade, wie wir das angehen können. Wenn die Versicherung einen normalen Pitch machen wollte, könnte das interne Marketing das auch selbst bewerkstelligen. Hier ist der Fall aber so, dass es seit 20 Jahren eine Werbelinie gibt, die zwei wesentliche Elemente hat: Das eine ist Illustration, das andere Dialekt. Nun erarbeiten wir für das nächste Jahr in Zusammenarbeit mit dem Kunden ein Kulturprogramm, bei dem über das Thema Dialekt nachgedacht wird und über das Thema zeitgenössische Illustration. Hieraus werden wir ein kleines Programm an Ausstellungen und Vorträgen entwickeln, mit dem dann sozusagen die alte Kommunikationslinie verabschiedet wird. Zugleich sollen aus diesem Prozess Inspirationen für ein Briefing zur neuen Kommunikationslinie entstehen. Was dabei rauskommt – wir werden sehen. Wir probieren das jetzt einfach aus.

Könnte man sagen, dass eure Beratungen erst einmal ergebnisoffen sind und während des Prozesses der Kunde Klarheit darüber bekommt, was er eigentlich braucht und will?

Ja, das gilt für jeden gut begleiteten Designprozess, und darin besteht auch eine unserer wichtigen Aufgaben. Wir sind der Meinung, dass gut begleitete Wettbewerbe besser sind als gar keine Wettbewerbe. Deshalb machen wir das. Wichtig ist auch, dass man den gesamten Prozess gut dokumentiert und ergänzend dazu eventuell sogar einen Film darüber dreht. Das lässt sich gut einsetzen, um eine breite Bewusstseinsbildung zu erreichen. Wir wollen letzten Endes so weit kommen, dass, wenn jemand unangemessen ausschreibt, die Nutzungsrechte missachtet, keine Abschlagshonorare bezahlt etc., wir sofort und öffentlich dagegen intervenieren können. Das bezieht sich natürlich auch auf die eigenen Reihen, wenn also jemand gratis präsentiert. Wir möchten davon wegkommen, dass Gestaltung schlecht bezahlt wird – auch und vor allem die Idee, die Konzeption. Nachdenken ist ein wichtiger Teil unserer Arbeit. In den Köpfen steckt noch zu sehr drin, dass Kreativleistung nichts wert ist, weil es geistige Arbeit ist, die ja nichts kostet außer vielleicht etwas persönliche Zeit. – Aber ich kann ja auch nicht zu einem Würstelstand gehen, durchprobieren, nichts zahlen und sagen, dass ich morgen vielleicht wiederkomme und dann auch eventuell etwas Geld mit dabei habe.

Uns erinnert Ihre Vorgehensweise sehr an die von Otl Aicher, zu dem wir demnächst einen Filmvortrag halten …

Der ist ein großes Vorbild für mich. Mich beeindruckt, dass Otl Aicher zum Schluss kaum mehr an wirklich „neuer“ Grafik interessiert war. Manche sehen darin eine Erschöpfung, oder Dogmatismus, oder beides. – Das ist nicht richtig und auch unaufmerksam gegenüber der ganzen Person. Aicher war nicht nur Grafiker, er war vor allem jemand, der mittels grafischer Hilfsmittel philosophierte. Grafik war für ihn kein Selbstzweck. Es ging ihm vor allem um Inhalte. Ich kenne seinen Sohn, Florian Aicher, ein wenig, war in Rotis zu Besuch, habe Einblick ins Archiv der Hochschule für Gestaltung Ulm genommen und muss wirklich sagen, dass mich dieser ganze Mikrokosmos, den er geschaffen hat und für den er viele Menschen begeistern konnte, fasziniert. Da ist freilich ein Stück Verklärung mit dabei, aber ich kenne kaum andere Gestalter, die mit so viel intellektueller Neugier bei der Sache waren. Heute vielleicht Ruedi Baur, und, viel stiller, aber in seiner Klarheit und Genauigkeit so beeindruckenden Jost Hochuli in St. Gallen. Oft wird es ja, wenn Gestalter heute reden oder schreiben, schnell geschwätzig. Das ist bei Aicher nicht der Fall, jeder seiner Texte ist auch heute noch eine Anleitung zum Weiterdenken. Sie bringen dich noch heute ein Stück weit weg vom Alltag in neue gedankliche Umgebungen. – Und dann bitte die Schuhe ausziehen und eventuell gemeinsam kochen. Etwas gemeinsam tun. Dieses gemeinsame Tun ist es, was ich so mag. Leben ist, frei nach Aicher, ein gemeinsames Tun. Auch in Rotis wurde gemeinsam gekocht und gegessen. Das aber ganz anders als heute bei irgendwelchen Incentives, die künstlich und aufgesetzt sind. Ich glaube, es ist uns auch mit dem WEIS RAUM gelungen eine Atmosphäre zu schaffen, in der man sich wohlfühlt und gerne austauscht. Mir ist es auch fast egal, ob heute Abend zum Vortrag 20 oder 100 Leute kommen. Es zählen immer die Menschen, die da sind, auch wenn es nur wenige sind. Ich denke, dass diese Unbekümmertheit, vielleicht auch Ehrlichkeit, unterbewusst wahrgenommen wird und die Leute deshalb gerne hier sind.

Eine abschließende Frage: Wie sähe Ihr Tirol aus, wenn es genauso wäre wie Sie es sich wünschen?

Dann würden wir den WEIS RAUM auf circa 12–13.000 Quadratkilometer aufblasen. Das wäre ungefähr die Größe von Tirol. (lacht) Spaß beiseite. Wir wissen, dass Tirol sehr beliebt ist. Viele junge Leute, auch aus Deutschland, studieren hier. Innsbruck ist eine attraktive Stadt mit einer wunderschönen Landschaft drum herum, in der man vieles machen kann. Auf der anderen Seite ist Tirol für kreative Menschen kein einfaches Land, weil es manchmal so engstirnig sein kann. Das verwechselt man dann gelegentlich mit „Eigenart“. Für mich bleibt es engstirnig. Die Bereitschaft, offen zu denken, das Wagnis, Dinge anders anzugehen als gewohnt, all jene kreativen Eigenschaften werden zu wenig in Anspruch genommen. Es ist zwar viel Geld da – das wird dann aber in konventionelle Dinge gegossen, in 0815-Projekten verbaut oder in sinnlose Kampagnen investiert. Dabei wäre es viel besser, auf andere Arten zu kommunizieren. Aus Umfragen und Studien wissen wir, dass Tirol nur bedingt interessant ist für kreative Menschen. – Das ist auf Dauer nicht gut für ein Land, wenn man bedenkt, wie sehr man heute auf intelligente Ideen und Innovationen, die genau diese Leute liefern, angewiesen ist. Ich würde mir wünschen, dass das substanziell anders wird und zwar abseits der üblichen Floskeln. Dass Innovation, Reflexion, Kreativität und Fortschritt alltäglich werden. Das wäre dann eine schöne Wirkung unseres WEI SRAUMs.

Die Fragen stellten Verena Dorn, Monika Häussinger, Paricia Marek und Falk Pätzold.

Im Gespräch
23.05.2017